Es ist gar nicht allzu lange der, dass man sich als Autor ohne groß zu überlegen für einen klassischen Print-Verlag entschieden hat.
Doch die Zeiten haben sich geändert und wirklich viel verdient man vor allem als Fachbuch-Autor durch gedruckte Bücher nicht.
Dafür bietet das Internet neue Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen. Über diese und mehr spreche ich heute mit einem erfahrenen Fachbuch-Autor, der den Sprung ins digitale Publishing gewagt und nicht bereut hat.
Er schildert seine Erfahrungen und gibt unter anderem Tipps, auf was man bei eigenen eBooks beachten sollte.
Inhalt
ToggleGuten Tag Herr Schnierda. Bitte stellen Sie sich meinen Lesern vor.
Hallo an alle „Fans“ von Selbständig-im-Netz aus dem Norden Deutschlands, mein Name ist Uwe Schnierda, ich bin 49 Jahre alt und lebe mit meiner Frau Annika Schnierda und unseren drei Kindern in der Nähe von Kiel in Schleswig-Holstein.
Seit über 20 Jahren bin ich selbstständig, spannenderweise aber erst seit 1 Jahr Selbstständig im Netz. Eigentlich eine sehr kurze Internetzeitspanne, dennoch habe ich mittlerweile laut Google-Analytics schon ca. 100.000 Besucher im Monat auf der Seite karriereakademie.de, die ich zusammen mit meinem Kollegen Christian Püttjer betreibe.
Welche Erfahrungen haben Sie im Print-Bereich sammeln können.
Schon im Jahr 1992 habe ich Trainings und Seminare zu den Themen Bewerbung, Assessment-Center und Rhetorik organisiert und durchgeführt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer forderten meinen Kollegen und mich geradezu auf, unsere Tipps und Anregungen in Buchform zu veröffentlichen.
So haben wir eigene Ratgeberbücher zu den Themen Bewerbung, Einstellungstest, Arbeitszeugnis und Rhetorik verfasst. Die ersten Bücher erschienen im Selbstverlag und wurden von den Buchhandlungen, genauer gesagt von den Leserinnen und Lesern im gesamten Bundesgebiet, sehr gut angenommen.
Ab dem Jahr 1999 wurden die Ratgeber im Rahmen einer Kooperation exklusiv vom Campus Verlag, Frankfurt am Main, betreut und vertrieben. Insgesamt haben mein Kollege und ich ca. 80 Ratgeber verfasst.
Seit wann setzen Sie verstärkt auf Online-Publishing und warum?
Auf das Online-Publishing setze ich seit einem Jahr, allerdings eher unfreiwillig. Aus meiner Sicht sind die Buchverlage von den Onlineriesen im Verkauf und auch von den stationären Buchhandelsketten regelrecht in die Mangel genommen worden. Als ich im Eigenverlag tätig war, bekam der Handel etwa 30 Prozent vom Ladenverkaufspreis, das war eine Situation des Miteinander.
Mittlerweile sind 50 Prozent für den Handel üblich, hinzu kommen mehr oder weniger „freiwillig“ geleistete Werbekostenzuschüsse an den Handel. Bücher müssen aber auch gedruckt werden und gelagert. Der Vertrieb muss finanziert werden und auch Werbemaßnahmen.
Werden Bestseller im Stil von Harry Potter verkauft, mag sich das Ganze lohnen, wenn es um kleine Auflagen im Bewerbungsbereich geht, bleiben Verlag und Autoren auf der Strecke. Kurz gesagt, ich kann mir als Autor mittlerweile weder den Handel noch den Verlag leisten.
Natürlich sehe ich, welche Dienstleistungen Buchhandel und Verlag für ein Buch einsetzen, beispielsweise Marketing, Vertrieb, Lektorat, Herstellung und PR-Maßnahmen. Aber selbst für bekanntere Fachbuchautoren wie mich lohnt sich der ganze Aufwand unter dem Strich nicht mehr.
Alle verdienen am Buch, aber nicht die Autoren, zumindest nicht ausreichend. Schließlich sind von den Erlösen ja auch noch Steuern, Krankenkasse, Altersvorsorge und die eigene Büroausstattung zu bezahlen.
Kurz gesagt, ich kann mir als Autor mittlerweile weder den Handel noch den Verlag leisten.
Sie haben Ihren Blog erst recht spät gestartet. Wieso nicht eher und wie läuft es bisher?
Ich habe den Exklusivvertrag mit dem Campus Verlag vor anderthalb Jahren erst einmal kündigen müssen. So ein Schritt fällt nach fast 15 Jahren Zusammenarbeit natürlich nicht leicht. Allerdings ist das „Prinzip Hoffnung“, das in Buch- und Zeitungsverlagen überall vorherrscht leider keine tragfähige Geschäftsstrategie für die digitale Zukunft. Daher gehen Buch- und Zeitungsverlage ja auch reihenweise in die Insolvenz beziehungsweise bauen massiv Stellen ab.
Die Steigerungsraten in meinem Blog sind sehr positiv, allerdings ist der „Markenname“ Püttjer und Schnierda im Bewerbungsbereich ja auch über 20 Jahre aufgebaut worden. Mittlerweile habe ich über 300 Blogartikel verfasst. Dies kostet viel Zeit und erfordert die Fähigkeit zur Selbstmotivation und zum konzentrierten Arbeiten.
Was bringt Ihnen der Blog und was waren zu Beginn die größten Schwierigkeiten?
Der Karriereblog funktioniert nur als Mischkalkulation. Damit meine ich, dass ich einerseits digitale Produkte vertreibe und andererseits individuelle telefonische oder persönliche Beratungsleistungen anbiete, beispielsweise zum Arbeitszeugnis oder zur Vorbereitung auf ein intensives Auswahlverfahren (Assessment-Center). Die digitalen Produkte alleine rechnen sich aus meiner Sicht nicht.
Sehr große Schwierigkeiten ergeben sich natürlich aus der Überregulierung in Deutschland. Wenn es um Themen wie Datenschutz, Impressum, Widerrufsrecht geht, fühlt man sich oft alleingelassen.
So bin ich auch auf diesen informativen Blog mit den vielen Praxistipps gestoßen, und so entstand auch unser Kontakt und die Idee für dieses Interview. ;-)
Sie verkaufen PDF-eBooks online. Wie sind sie dazu gekommen und wie gut funktioniert das?
Ich habe mit dem E-Commerce-System Drupal einen eigenen Vertriebskanal aufgebaut und weiß sehr genau, welche Wünsche Leserinnen und Leser an „Bewerbungshelfer“ haben. Meine Kundschaft erreiche ich „24/7“, also 24 Stunden am Tag und das jeden Tag der Woche.
Mit meinen digitalen Produkten, konkret PDF-Dateien, die einen Umfang zwischen 16 bis 30 Din-A4-Seiten haben, bin ich logistisch klar im Vorteil. Der Kaufvorgang läuft mittels Paypal automatisch. Die Dateien werden nach Bezahlung sofort zum Download freigeschaltet.
So bitter es für Verlagsmenschen klingen mag: Ein guter Programmierer ist aus meiner Erfahrung momentan wichtiger als ein gutes Lektorat.
Gibt es Besonderheiten, die man beim Online-Verkauf von eBooks beachten muss?
Über karriereakademie.de verkaufe ich PDF-Dateien und keine eBooks. Meine PDFs haben keine ISBN-Nummer und können nicht über andere Vertriebsplattformen für eBooks vertrieben werden.
Dies hat für mich den Vorteil, dass die Dateien nicht der Buchpreisbindung unterliegen, ich kann sogar zeitlich limitierte Rabattaktionen anbieten.
Weiter haben meine PDFs auch keinen Kopierschutz. Die Zeit wird zeigen, ob dies vielleicht zu optimistisch ist.
Welche rechtlichen Aspekte muss man beachten, wenn man eBooks selber verkaufen will?
Vor drei Wochen habe ich mein erstes eigenes und „echtes“ eBook auf Amazon.de zum Thema „CV schreiben – Englischer Lebenslauf“ eingestellt. Die Resonanz ist schon ganz erfreulich, für dieses Spezialthema. Aber auch hier habe ich mich für das Kindle Direct Publishing / KDP entschieden. Keine ISBN-Nummer, nur eine Amazon interne Nummer, daher ist momentan auch kein Verkauf über andere eBook-Vertriebswege möglich.
Wer alle Plattformen für eBooks bedienen will, muss einiges beachten, beispielsweise die genannte Buchpreisbindung, die unterschiedlichen Umsatzsteuersätze in Deutschland (gilt für die meisten eBook-Vertriebsplattformen) und Luxemburg (Amazon’s umstrittene 3 Prozent-Umsatzsteuerregelung.)
Alle eBooks müssen auch ein Impressum haben, das sich nach den Landespressegesetzten richtet. Eigentlich sind da im Wesentlichen eine Postanschrift gefragt und natürlich die Namen der verantwortlichen Personen. Gegen diese rechtlichen Vorgaben verstoßen meiner Einschätzung nach etwa zwei Drittel der auf Amazon.de angebotenen eBooks. Dies kann natürlich zu den gefürchteten Abmahnungen führen. Viele Selfpublisher kennen sich mit den Formalien der Veröffentlichung leider nicht aus.
Gegen diese rechtlichen Vorgaben verstoßen meiner Einschätzung nach etwa zwei Drittel der auf Amazon.de angebotenen eBooks. Dies kann natürlich zu den gefürchteten Abmahnungen führen.
Welche Pläne haben Sie für die Zukunft ihres Blogs?
Wir sind voll in der Wachstumsphase, was nach Jahren der beruflichen Depression, also Einbruch über Einbruch im Verkauf, unglaublich motiviert.
Darüber hinaus habe ich direkten Kontakt zu den Leserinnen und Lesern. Weder mit einem Verlag noch mit dem Handel muss ich noch diskutieren, diese zwei Ebenen gibt es für mich nicht mehr. Das gefällt mir persönlich sehr gut, da ich ergebnisorientiertes Arbeiten sehr schätze. Langwierige Abstimmungsprozesse und ergebnislose Meetings, die nicht zum gewünschten Erfolg führen, gehören damit der Vergangenheit an.
Weiter ist zu beobachten, dass sich die Zeitungsverlage im Internet guten und kostenlosen Content immer weniger leisten können, was auch für die Themenbereiche Bewerbung, Arbeitszeugnis und Karriere gilt. Dagegen werden meine qualitativ anspruchsvollen Beiträge im Karriereblog durch das eindeutige Nutzerverhalten mit exzellenten Rankings bei Ggoogle belohnt.
Zum Schluss würde ich mich über Ihre wichtigsten Tipps für angehende Online-Publisher freuen.
Schon im Printzeitalter waren Journalistinnen und Journalisten, aber auch Autorinnen und Autoren, am untersten Ende der Wertschöpfung angesiedelt. Viele Zeitungs- und Buchverlage haben dagegen viele Jahrzehnte sehr gute Gewinne eingefahren. Aktuelle Themen wie eine Kulturflatrate sind ökonomisch gerechnet natürlich völliger Unsinn und dienen nur dazu, davon abzulenken, dass im Internet vieles in rechtlichen Graubereichen und auch illegal genutzt wird, dass von kreativen Köpfen mühsam erarbeitet wurde.
Auch die eBook-Flatrate, die Amazon schon in den USA anbietet, dort für 9,90 US-Dollar im Monat, und nun auch in Deutschland, ist für Autoren meiner Meinung nach ein wirtschaftliches Desaster, die zu erwartenden Centbeträge, die Spotify an Musiker zahlt, lassen grüßen.
Wer dennoch ein Thema hat, für das er brennt, beispielsweise „Selbständig-im-Netz“ oder „Bewerbung & Karriere“ oder auch „Vegan einkaufen und ernähren“, wird seine Zielgruppe finden. Mehr denn je heißt es dabei flexibel zu bleiben und ständig den Wert der eigenen Informationsarbeit zu vermitteln. Den Vorteilen der freien Zeiteinteilung und der schnellen Entscheidungen, stehen die Nachteile der finanziellen Unsicherheit und des beruflichen Außenseitertums gegenüber.
Selbstständige mit mehr als zehn Jahren Berufserfahrung werden eigentlich von keiner Firma mehr eingestellt. Für mich war und ist die Entscheidung für eine Selbstständigkeit dennoch richtig.
Insbesondere auch deshalb, weil ich mich intensiv um meine Beziehung und meine drei Kinder kümmern konnte. Danke Annika! Oscar Wilde hat es für mich perfekt ausgedrückt: „I put all my genius into my life, I put only my talent into my works.“
Danke Herr Schnierda
für das Interview.
Ähnliche Artikel:
- Erfahrungen eines Reisebloggers und Tipps für Einsteiger
- Erfahrungen beim Aufbau eines Männer-Portals - Interview mit Einblicken und Tipps
- Erfolgreich mit einer Fussball-Website - Start, Aufbau, Erfahrungen und Tipps im Interview
- Kannst du im Internet erfolgreich sein? 9 wichtige Fragen!
- Warum du eine Lösung für ein Problem anbieten musst, um im Internet erfolgreich zu sein