Crowdsourcing und Roboterjournalismus – Entwicklung, Probleme und Tipps

Das Thema Crowdsourcing hat die deutsche Arbeitslandschaft in den letzten Monaten ständig bewegt: Ob auf dem Hamburger IT-Gipfel Ende Oktober 2014 oder – im Nachzug hierzu – durch die Äußerungen von Verdi-Chef Frank Bsirske, der 2015 zum Jahr der Arbeitswelt im digitalen Zeitalter ausgerufen hat und vor einer digitalen Prekarisierung warnt. Bsirske sieht beim Crowdsourcing die Gefahr, dass „Solo-Selbstständige“ um Aufträge konkurrieren, aber lediglich die attraktivsten honoriert würden. Für Rente* und Auftragslosigkeit könnten die Selbstständigen nicht vorsorgen.

Die Frage, die sich stellt, ist aber weniger ob Veränderungen der Arbeitswelt eintreten, sondern wie und wann sie eintreten und was sie bewirken. Gerade bei jungen Branchen wie dem Crowdsourcing gilt es die gesamttechnische Entwicklung zu betrachten. Hier ist zu beobachten, wie der Roboterjournalismus, also das automatisierte Verfassen von Texten und Grafiken, immer mehr Bereiche beeinflusst. Entsteht hieraus eine Gefahr für Crowdsourcer?

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Das Ende des Journalismus – einmal mehr

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Mitte 2014 brachen die Berichte nicht mehr ab: Die Roboterjournalisten sind schon unter uns, sie ersetzen bereits Journalisten und selbst Bücher schreiben die Maschinen schon. Die auch ohne Technikneuerungen schon aufgescheuchte Journalismusbranche sah in der Ferne, einmal mehr, ihren Untergang aufziehen. Techniker und Ingenieure neigen berufsbedingt dazu Arbeit an Maschinen auszulagern – warum also Gleiches in einer technologisierten Welt nicht auch mit Texten machen?

Die Onlineausgabe der Forbes macht das bereits mit Börsennachrichten und Aktienkursen, die Berliner Morgenpost mit Feinstaub-Messwerten für Berlin und der Earthquake Robot twittert selbstständig Erdbebenmeldungen (und erreicht damit mehr Menschen, als sich so mancher Journalist nur wünschen kann). Beim Hochfrequenzhandel an den Börsen werden seit Jahren Entscheidungen in Milliardenhöhe weitestgehend autonom von Algorithmen erledigt. Vom Computer geschriebene Sportmeldungen kommen beim Leser besser an, als vom Sportjournalisten verfasste. Das fand eine 2014 an der Universität Karlstadt durchgeführte Studie heraus. Computer kennen keinen Fanpatriotismus.

Wer sich spezialisiert, erhöht seine Chancen

Diese Entwicklung sollte nicht nur Grafiker, Journalisten und andere Schreiber aufhorchen lassen – ganze Branchen könnten betroffen sein. Oder sind es schon: Tailor Brands, ein US-amerikanisches Start-up, erstellt aufgrund einiger Userangaben und geringfügiger Anpassungsmöglichkeiten Firmenlogos, die passende Visitenkarte und optional weitere gebrandete Firmenartikel. Das kostet pauschal 50 US-Dollar und ist damit als Konkurrenz zu Crowdsourcing-Anbietern wie Fiverr und 99designs zu werten. Nur eben ohne Designer – der Algorithmus kreiert das Design. Das ist zwar keine Lösung für etablierte Unternehmen, die Ergebnisse sind aber durchaus semiprofessionell und können gerade Start-ups den Einstieg ins Geschäft erleichtern.

Freilich, je investigativer und kreativer die Aufgabe, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass man morgen von einem Computer ersetzt wird. Kurz und Rieger brechen es in “Arbeitsfrei” auf diesen Satz herunter:
„Je weniger spezielle Talente und Fähigkeiten ein Arbeitsplatz erfordert, je besser sich Resultate messen, analysieren und quantifizieren lassen, desto direkter und unmittelbarer ist der Wettlauf mit den Maschinen.“

Dass die Tragweite dieser Entwicklung größer ist, als Erdbebenberichte oder Sportergebnisse es vermuten lassen, legt Lorenz Matzat dar, der vorsorglich schon mal einen Presseausweis für Roboterjournalismus-Software fordert. Immerhin könnte eine gute Software Internetseiten wie die Wikipedia auf Dauer koordiniert und nimmermüde manipulieren – über Tage, Wochen, Monate, Jahre. Die Konsequenzen wären kaum absehbar.

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Algorithmen ohne Emotionen

Doch ganz so schlimm, wie es klingt, ist es nicht. Eines, und das ist selbst bei den rudimentärsten (Text)aufgaben zwingend erforderlich, können Maschinen und Algorithmen nämlich nicht: Einfühlsam sein und Emotionen erzeugen. Das kann und sollte beim Berichten über Sportergebnisse bewusst vernachlässigt werden, bei Spielkommentaren- und Interpretationen aber ist es ein relevanter Punkt. Hier geht es um mehr als Information: Hier wird Meinung gemacht.

Im Crowdsourcing-Bereich sind es ebenjene Emotionen, die so entscheidend sind. Wer kauft schon einen Artikel, der mit einem emotionslosen Text beschrieben ist? Der Adressat im B2B- und B2C-Bereich ist der Mensch – und der möchte auf menschlicher Ebene, also emotional, angesprochen werden. Besonders dann, wenn er bereit ist, Geld für eine Ware oder Dienstleistungen auszugeben. Ein Verkaufstext darf nicht wie die statische Erdbebenmeldung des Earthquake Robots klingen. Fehler als Fehler identifizieren und Änderungen vornehmen kann nur ein Mensch. Ein Computer hingegen reagiert auf Stopwords – und selbst die muss man ihm erst beibringen. Dann reagiert, nicht aber agiert, er.

Rein technisch gesehen kann eine gute Software in kürzester Zeit Zehntausende Produkttexte, beispielsweise für einen Onlineshop, verfassen. Bei der Geschwindigkeit kann keine noch so große, aktive und breit aufgestellte Crowd als Konkurrenz auftreten. Aber: Die Vorlaufzeit für die Programmierung und Strukturierung macht den Geschwindigkeitsvorteil wieder zunichte, verkehrt ihn sogar ins Negative. Von den hohen Einrichtungskosten ganz abgesehen. Es dauert drei bis vier Tage, um einem Algorithmus beizubringen, vier Datenfelder auszufüllen. Daten wie Größe oder Farbe eines Produktes müssen erst einmal strukturiert vorliegen, bevor sie der Algorithmus zu einem Text verarbeitet kann. Auch braucht es Textbausteine – bei einfachen Aufgaben wie Wetterberichten reichen dafür einige wenige. Im Onlinemarketing aber werden Tausende Varianten benötigt; jeder Text muss unique sein, um von Suchmaschinen wie Google als einzigartig erkannt und hoch gerankt zu werden.

Mittlerweile wird von einigen Anbietern versucht, einen „Mittelweg“ zu finden. Software crawlt auf ein bestimmtes Keyword hin Internetseiten und kombiniert die Ergebnisse – mehr oder weniger frei – zu einem neuen Text. Diese sind zwar auf den ersten Blick unique, bieten aber kaum einen Mehrwert für den Leser. Sie sind nicht zielgerichtet verfasst, sondern nur ein loser Zusammenwurf von mehr oder weniger relevanten Informationen. Auch sind Suchmaschinen in der Lage solche Texte zu identifizieren. Wer sie nutzt, wird beim Page-Ranking abgestraft.

Klassisches Crowdsourcing ist skalierbar

Neben den identischen und emotionslosen Texten sind es vor allem die hohen Kosten und die langen Vorlaufzeiten, die eine Form des Roboterjournalismus im Crowdsourcing unrentabel und langwierig machen. Klassisches Crowdsourcing ist qualitativ, quantitativ und wirtschaftlich einer rein technischen Lösung überlegen. Dies wird sich auch in naher Zukunft nicht ändern: Solange ein Algorithmus nicht autonom in der Lage ist, seine Fehler zu erkennen und sein Verhalten zu ändern, ist die Crowdsourcing-Branche relativ sicher.

Der Roboterjournalismus ist unter Redakteuren und Journalisten nicht unumstritten, aber auch hier sieht und nutzt man seine Vorteile: Redakteure können sich auf den investigativen Teil ihrer Arbeit konzentrieren, Standardprozesse erledigt der Computer automatisiert. Wetter- und Börsenberichte verfassen ist nicht sehr befriedigend.

Mit der voranschreitenden technischen Entwicklung könnten Crowdsourcer die Algorithmen auch zu ihrem Vorteil nutzen: Grobe Textskizzen aus gecrawlten Informationen, strukturierte Übersichten mit klarer Auflistung von Keywords oder das einfache identifizieren von weiteren Meldungen zum Thema – all dies ist technisch bereits möglich, für den Einzelnen aber nur schwer zu nutzen. Es gibt weder einfach zu bedienende Software, noch ist diese erschwinglich.

Diejenigen, die sich nebenberuflich durch einfache Crowdsourcing-Arbeiten wie Adressanreicherungen etwas dazuverdienen, können ebenfalls beruhigt sein: Bei den oft niedrigen Auftragsvolumen rechnet sich die Installation einer automatisierten Lösung nicht. Die zu recherchierenden Daten liegen meist unstrukturiert und verstreut im Netz. Das Sammeln muss man einem Algorithmus in wochenlanger Arbeit mühsam beibringen. In dieser Zeit hat die Crowd den Auftrag längst erledigt – zu einem besseren Preis-Leistungs-Verhältnis.

Den Experten-Status nutzen

Crowdsourcer sollten sich auf das verlassen, was sie ausmacht: Gute Arbeit und Expertise. Wie in jedem Wirtschaftsbereich gilt auch hier: Spezialisiert euch (und zeigt das der Welt)! Egal ob Texter oder Grafiker, ob Haupt- oder nebenberuflich – ein Schwerpunkt im eigenen Schaffen ist ein wertvolles Allstellungsmerkmal.

Ob die technische Entwicklung tatsächlich vorteilhaft für die Crowd ist, hängt maßgeblich vom Zeit- und Finanzaufwand für den Einzelnen ab – und der ist derzeit noch nicht wirklich skizzierbar. Ihr seid die Experten – nutzt das zu eurem Vorteil!

Die noch junge Crowdsourcing-Branche muss sich intensiv mit dem beschäftigen, was um sie herum passiert, um nicht den Anschluss zu verlieren oder Neuerungen zu verpassen. Bleibt innovativ, verfolgt die Entwicklung, informiert euch über das, was in eurem Bereich passiert; lest Blogs, beobachtet soziale Medien, tauscht euch mit Kollegen aus. Online wie offline! Nutzt dass, was Algorithmen nicht können: Interagieren und mit eurer Arbeit Emotionen erzeugen.

Sobald Maschinen in der Lage sind ihr Verhalten zu hinterfragen, ist nicht mehr die Frage ob und wie sehr bestimmte Industrien dadurch in Gefahr sind. Dann stellt sich die Frage, wie groß, gewaltig und unumkehrbar diese Entwicklung für die gesamte Wirtschaft ist.

Über den Autor

Jonas Schmutzler arbeitet beim Crowdsourcing-Dienstleister Crowd Guru (crowdguru.de) in Berlin und beobachtet die Veränderungen und Entwicklungen der Crowdsourcing-Branche in Deutschland.

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2 Gedanken zu „Crowdsourcing und Roboterjournalismus – Entwicklung, Probleme und Tipps“

  1. Ja es wird eben auch hier immer mehr auf Tools und Software zurück gegriffen. So gibt es schon gute Tools auch in den Bereich Werbetexter, gerade wenn es darum geht hier passende Mailserien zu erstellen auf alle Fälle ein Gewinn.

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  2. Interessanter Artikel. Die Angst, dass eine Maschine den eigenen Arbeitsplatz ganz oder zumindest teilweise ersetzt, besteht aber nicht nur hier.
    Viele sind schon eben durch diese Art Modernisierung arbeitslos geworden oder wurden versetzt.

    Ich denke, der Mensch wird aber weiterhin in dieser Branche bestehen. Auch wenn Computer News-, Werbe-, usw. -Texte verfassen, gibt es doch genug Gebiete in denen ein händisch geschriebener Text immer noch das einzig Wahre ist.

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