
Seit 20 Jahren nehme ich mit großer Leidenschaft spannende Online-Geschäftsmodelle auseinander. Mal zur Berichterstattung hier bei Selbständig im Netz, mal zur Inspiration für mein eigenes Business.
Dass mir wirklich die Kinnlade herunterfällt, kommt da nur noch selten vor.
Beim Blick auf die Bilanz der Keepa GmbH war es aber mal wieder so weit.
Die Eckdaten:
- das Business: Betrieb der gleichnamigen Browser-Extension zum Preis-Tracking bei Amazon
- der Firmensitz: Ein unscheinbares Haus mit Blick auf den Friedhof in Kemnath, einem bayerischen Gewerbesteuer-Paradies (230% Hebesatz)
- die beiden Geschäftsführer: Geister. Keine Interviews, keine Speaking Gigs, nicht einmal „offizielle“ LinkedIn-Profile (halten 67 bzw. 33%, keine weiteren Gesellschafter)
- der Jahresgewinn im Jahr 2024 gemäß Jahresabschluss: Exakt 18.464.886,41 Euro (nach 15,7 Mio. Euro in 2023)
- das Eigenkapital: 57,9 Millionen Euro (EK-Quote 94%)
- die Anzahl der Angestellten im Geschäftsjahr 2024: 1
Was für ein Geschäft!
Wie kommt der Gewinn zustande?

Die zentrale Frage, die gar nicht so leicht zu beantworten ist: Wie kommt dieser riesige Gewinn zustande?
Im Jahresabschluss 2024 (kannst du kostenlos im Unternehmensregister einsehen) heißt es zum Geschäftsmodell etwas kryptisch, es “stützt sich auf kostenpflichtige Abonnements, die den Nutzern Zugang zu verschiedenen Händler-Tools sowie automatisierte Abfragen von Preisdaten und deren Aggregationen ermöglichen”.
Woher das Geld mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht kommt: Aus Affiliate-Provisionen – hier würde Amazon sofort den Hahn zudrehen – und aus B2C-Abonnements.
Zwar haben Browser-Erweiterungen und Mobile Apps eine große aktive Nutzerschaft von zusammengenommen mehr als 8 Millionen Installationen (davon allein > 4 Mio. bei Google Chrome). Aber der 29 Euro monatlich kostende und an Händler gerichtende Pro-Account wird kaum ein wesentlicher Umsatz-Faktor sein.
Tatsächlich liegt der eigentliche Wert in den über die Browser-Erweiterungen erhobenen Nutzerdaten, für die Keepa viel Geld bei Data Intelligence Unternehmen wie Helium 10 bekommen könnte. Und wohl nicht nur könnte.
Anders gesagt: Baue ein richtig gutes und nachgefragtes Produkt mit hohem Automatisierungsgrad, skaliere es auf eine Millionen-Reichweite (ein Reverse Engineering der Growth-Strategie dahinter wäre einen weiteren Beitrag wert), owne die Nutzungsdaten – und das Geld wird fließen.
Ganz einfach, oder?
Was ist mit der Konkurrenz?

Ein so profitables Geschäft sollte eigentlich Nachahmer in Scharen anziehen. Tatsächlich ist Keepa keineswegs konkurrenzlos. Der Blick auf die Mitbewerber zeigt aber recht gut, warum die Bayern so weit vorn stehen.
Der älteste Spieler im Markt heißt CamelCamelCamel und macht schon seit Mitte der 2000er-Jahre im Kern das, was Keepa heute macht – nur eben komplett kostenlos und finanziert über Werbung und Amazon-Affiliate-Links. Genau dieses Modell hat Keepa bewusst nicht gewählt.
Der Preis der Affiliate-Strategie von CamelCamelCamel: deutlich weniger abgedeckte Marktplätze (kein Brasilien, kein Indien, kein Mexiko), keine ernstzunehmende API, eine UI mit dem Charme eines frühen WordPress-Themes. Und vor allem keine eigene Datenökonomie, weil sich das Tool an Endverbraucher und nicht an Händler richtet.
In der professionellen Liga spielen Anbieter wie Helium 10, Jungle Scout, SellerApp oder das jüngere SmartScout. Hier geht es längst nicht mehr nur um Preisverläufe, sondern um die volle Werkzeugkiste für Amazon-Händler: Produktrecherche, Keyword-Tracking, PPC-Optimierung, Repricing, Buy-Box-Analysen.
Die Abos starten bei rund 30 bis 50 Euro pro Monat und erreichen bei größeren Sellern problemlos den dreistelligen Bereich pro Lizenz. Was diesen Tools allerdings fehlt: eine kostenlose Browser-Extension mit Millionen-Reichweite, die nebenbei kontinuierlich Nutzungs- und Klickdaten generiert. Es sind reine B2B-Player, die ihr Geld über Händler-Abonnements und mit weniger Daten verdienen müssen.
Genau in diesem Zwischenraum liegt Keepas eigentlicher Burggraben. Auf der einen Seite die kostenlose Massen-Extension für Schnäppchenjäger und Power-User, auf der anderen Seite eine API mit Preisstaffeln, die von 49 Euro bis weit in den fünfstelligen Bereich pro Monat reichen. Pplus die im Hintergrund laufende Daten-Pipelines.
CamelCamelCamel hat zwar Reichweite, aber keine Datenstrategie. Die großen Seller-Suiten haben die Datenstrategie, aber keine vergleichbare Endkunden-Reichweite. Keepa sitzt als einziger Anbieter genau auf beiden Seiten.
Wie lange hält der Burggraben?
Theoretisch ließe sich das Modell kopieren, praktisch ist die Hürde gewaltig. Über 8 Millionen aktive Installationen baut man nicht über Nacht auf, und Amazon ist gegenüber neuen Scraping-Extensions in den letzten Jahren erkennbar allergischer geworden.
Wer heute mit einer „Keepa 2.0“ startet, müsste Browser-Reichweite, technische Infrastruktur und Vertriebskanäle zu den Daten-Käufern parallel hochziehen. Bei einem etablierten Platzhirsch, der jede dieser drei Säulen seit über einem Jahrzehnt ausbaut.
Wahrscheinlicher als ein klassischer Angreifer ist deshalb, dass die großen Seller-Suiten irgendwann eigene Endkunden-Extensions in den Markt drücken. Oder schlicht versuchen, Keepa zu übernehmen. Angesichts der Gelddruckmaschine, die ihr Business aktuell ist, werden die beiden Keepa-Geschäftsführer darauf aber nicht sonderlich erpicht sein.